Inhaltsbereich: TuSpo Grebenstein feiert 130. Vereins-Jubiläum mal ganz anders

Ausstellung „130 Jahre Turnen in Grebenstein“ in einer breiten Schaufensterfront

Seinen 125. Geburtstag hatte der TuSpo Grebenstein wegen Vereinsunstimmigkeiten nicht groß gefeiert. Doch mit seinem 130. Gründungsjubiläum wollten die Vereinsoberen, vor allem aber die Turnabteilung, an die Anfänge des Turnens in der malerischen Fachwerkstadt erinnern. So kam der TuSpo überein, die breiten Schaufenster eines ehemaligen Lebensmittelgeschäftes in der Grebensteiner Innenstadt für eine ständige Ausstellung zu nutzen. In den geräumigen Auslagen des ehemaligen Ladens locken alte Plakate, Zeitungsausschnitte, Urkunden und Fotos die Bürger und Besucher der Stadt zum Verweilen und zum Studium der ehrwürdigen Turngeschichte Grebensteins.

So ist aus diesem Schaufenster zu erfahren, dass im Jahre 1881 gleich zwei Turnvereine kurz hintereinander gegründet wurden. Es hatte bereits im Jahre 1864 eine Vereinsgründung einer „Turngemeinde in Grebenstein“ gegeben, die vom nahe gelegenen kurfürstlichen Landratsamt in Hofgeismar abgesegnet worden war. Das Interesse am Turnen verloren die Grebensteiner Turnbrüder aber nach beendetem Krieg Deutschland gegen Frankreich und der Reichsgründung 1871. Die Turner waren müde geworden, wie es in der Chronik heißt. Die nur sechs Kilometer entfernt liegende TSG Hofgeismar, gegründet 1848 und damit, neben der ACT Kassel (gleiches Gründungsjahr) Nordhessens ältester Turnverein, feierte im Turnkreis 7 (Oberweser) Erfolge. Die Bürger der Fachwerkstadt Grebenstein leckten Blut und kamen überein, einen neuen Turnverein zu gründen. Und so kam es zur zweiten Turnvereinstaufe „Turnverein zu Grebenstein“, zehn Jahre nach der Reichsgründung.

Vergrößerten Zeitungsausschnitten, in der Auslage gut lesbar, ist weiterhin zu entnehmen, dass die Turner beim Löschen von Bränden unersetzlich waren, denn blitzschnell kletterten sie mit Löschgerät zu den Brandherden und löschten, retteten und bargen. Fünf Monate nach der Vereinsgründung kam es mit der örtlichen neu entstandenen Freiwilligen Feuerwehr zur weiteren Vereinsgründung eines „Neuer Turn-Verein Grebenstein – Freiwillige Turnerfeuerwehr“. Die 1881 gestiftete Vereinsfahne ist noch heute Banner der Grebensteiner „Blauröcke“.

Bereits ein Jahr nach der Vereinsgründung wagten die Grebensteiner Turner die Ausrichtung eines Gauturnfestes. Die Artikel der Gazetten lobten die der turnerischen Darbietungen und Wettkämpfe ebenso wie die logistischen Leistungen. Die königliche Eisenbahndirektion hatte für das große Fest extra einen Sonderzug eingesetzt, der Wettkämpfer, Kampfrichter oder Schlachtenbummler aus einem Umkreis von 40 Kilometern nach Grebenstein und nach beendetem Turnfest wieder zurück beförderte. Der Festordnung des Gauturnfestes ist außerdem zu entnehmen, dass es am Samstag abends einen Festcommers auf dem Festplatze gab und der Sonntag früh begann: 6 Uhr Weckruf, 6.30 Sitzung der Kampfrichter, 7 Uhr Wettkampfbeginn. Um 14 Uhr dann Festzug, Festreden, Freiübungen, Musterriegen- und Kürturnen, Concert, Tanz und Volksbelustigungen aller Art. Damit aber nicht genug! Ab 21 Uhr Ball auf zwei Sälen. Tanzen war für fast alle Turner Ehrensache! Unsere Gesellschaft könnte aus dieser Festordnung für heutige Veranstaltungen viel lernen!

Der langjährige Turnabteilungsleiter der vergangenem Jahre, Herrmann Mogge, dem das aus dem Jahre 1731 stammende Haus gehört, hatte zusammen mit seinem ehemaligen Stellvertreter Wolfgang Tölle, der sich als Stadtschreiber und Vereinschronist einen weit über Grebenstein herausragenden Namen gemacht hat, haben mit der Ausstellung in Mogges ehemaligen Kolonial- und Feinkostgeschäft „Hingucker“ geliefert. Vergnüglich zu lesen, dass in der Turnordnung festgeschrieben war, auf dem Wege und in der Turnhalle das Rauchen streng verboten war, dass nach dem Kommando „Riegenordnung“ alles in militärischer Grundstellung zu stehen und keiner mehr zu sprechen oder zu wackeln hatte. Zuspätkommen wurde mit einer Ordnungsstrafe von 3 Reichspfennigen bestraft, umgerechnet auf heutigen Währungskurs wären das ungefähr 1,7 Euro! Gewaltig, so ist der Chronik zu entnehmen, das Gauturnfest 1926. Der Festschrift ist zu entnehmen, dass es zwei Jahre nach der 600-Jahrfeier Grebensteins die größte Sportveranstaltung in Grebenstein gegeben hatte. Weit über 1000 Wettkämpfer, nicht eingerechnet die strengen Herren Kampfrichter, Gehilfen oder Zuschauer, gaben dem Turnfest ein bis heute bei der älteren Generation unvergessenes turnerisches Gepräge.

Fragt man Horst Vogt, der sich als langjähriger Vereinsvorsitzender des heutigen TuSpo Grebenstein Meriten erworben hatte und heute als Oberturnwart und Übungsleiter dem Verein treu dient: „Gibt es denn heute noch nennenswerte turnerische Erlebnisse?“, beantwortete das turnerische Urgestein mit der Aussage: „Seit Jahrzehnten hatten wir in der 'Wettkampfgymnastik', die sich heute Rhythmische Sportgymnastik nennt, große Erfolge. 1980 richtete unser Verein die hessischen RSG-Meisterschaften aus, ein Triumpf für unseren Verein. Noch heute haben wir mit der mehrfachen Hessischen Schüler- und Jugendmeisterin Cara Girsch und ihrer drei Jahre jüngeren Schwester Xenia Vorbildturnerinnen in der RSG“. Beide turnen und trainieren heute bei der TSG 1887 Kassel-Niederzwehren, bleiben aber auch dem TuSpo eng verbunden.

Die Ausstellung ist auch für Nichtturner, Vereinsarchivare oder –Manger von großem Interesse. Die Ausstellung ist bis zum Ende des Jahres geöffnet. Im Jahr 2012 schließt sich an gleicher Stelle eine Ausstellung „Turnerkränze, Siegermedaillen und Urkunden“ an.

Volker Hennig

 

Begeister von der gut angenommenen Ausstellung: von links Wolfgang Tölle, Horst Vogt und Hermann Mogge
Begeister von der gut angenommenen Ausstellung: von links Wolfgang Tölle, Horst Vogt und Hermann Mogge

 

Sie halten die alte Vereinsfahne hoch: li.; Horst Vogt, Herrmann Mogge
Sie halten die alte Vereinsfahne hoch: li.; Horst Vogt, Herrmann Mogge

 

Die Männerriege von 1894
Die Männerriege von 1894