Inhaltsbereich: Workshop im Vereinsheim der TSG Niederzwehren

Hansgeorg Kling moderiert: „Der Turngau als Dienstleister“

Mitte November hatten sich eine Reihe von Übungsleitern und Vereins- oder Abteilungsoberen zu einem Workshop getroffen um einen Ende März begonnenen Workshop zu Ende zu führen und das aktuelle Thema zu klären: „Ist der Turnverein / Turngau ein Dienstleister?“

Hansgeorg Kling, bis vor zwei Jahren noch HTV-Vizepräsident und seitdem HTV-Ehrenmitglied, hatte zu diesem Workshop in das Vereinsheim der TSG 1887 Kassel-Niederzwehren eingeladen. Als Kernpunkte hatte der Moderator eine Ist-Analyse / Bestandsaufnahme, die Untersuchung der Problemfelder, Erarbeitung möglicher Lösungen und die Festlegung konkreter Maßnahmen für das Meeting angedacht.

Ausgehend von einer empirischen Untersuchung der TU München (Prof. Dr. Witt), die zu Tage förderte, dass unsere Vereine in sechs Bereichen Defizite aufweisen, legte Kling die in den Vereinen häufig zu entdeckenden Mängel offen: ihr betriebswirtschaftliches Denken, die Öffentlichkeitsarbeit, das langfristig strategisches Denken, die Qualifikation ihrer Mitarbeiter/innen, Angebote, die nicht genügend marktorientiert sind und Führungsschwächen (insbesondere unklare Aufgabenaufteilung in den Vereinsvorständen, mangelnde kommunikative Kompetenzen bei den Vereinsverantwortlichen). Danach stellte er dem als Gegenbild den Verein gegenüber, der optimal „aufgestellt“ ist. Dieser hat sich als zukunftsorientierter Verein folgende Ziele gesetzt: Längerfristiges Denken, Leitbild, Strategie, ständiges Überprüfen der Angebotsstruktur, „Marketing“, Öffentlichkeitsarbeit, Mitgliederpflege, „Beziehungsmanagement“, Personalentwicklung (Mitarbeitergewinnung, Mitarbeiterfortbildung), kooperativer Führungsstil, Teamarbeit, Eigenverantwortlichkeiten und alle zwei Jahre eine „Zukunftswerkstatt“.

Anschließend gingen die Workshop-Teilnehmer die Arbeitsergebnisse der Veranstaltung vom März diesen Jahres durch. In diesem waren u.a. erkannt und als Stärken der Vereine benannt worden: Der Verein als sozialer Kitt, die große Mitgliederzahl (bei den großen Vereinen), die Angebotsbreite, die Qualität der Übungsleiter/innen, die Möglichkeit der (turnerisch-sportlichen) Spezialisierung und der Ideenreichtum bei einem Wechsel im Vorstand.

Als neue Impulse des laufenden Workshops für die Bewältigung wichtiger Vereinsaufgaben stellten die Teilnehmer die Personalentwicklung, Mitgliederwerbung, interne Kommunikation, Außenkontakte, „Außenpolitik“, Projekte und Umgang mit den Konkurrenten der Vereine in den Vordergrund.

Als Ergebnis der Schwächen-Analyse wurden die folgenden fünf Problemfelder benannt: Organisationsstruktur (fehlendes Personal, mangelhafte Aufgabenverteilung, starrer Vorstand, unterentwickelte Organisation, Größe des Vereins), Marketing (Vermarkten der Vereinsangebote, Öffentlichkeitsarbeit, unterschiedlich aktive Öffentlichkeitsarbeit der Abteilungen, Fehlen der Altersgruppe 20 bis 45 Jahre, der Verein nicht Stadtteil-bezogen, das Umfeld der Sporthalle, fehlender Nachwuchs), Konsumentenhaltung der Mitglieder (mangelnde Verantwortungsbereitschaft, Kommen und Gehen, Einbindung der Eltern, fehlende Motivation der Mitglieder), die Abteilungen als Vereine im Verein (die Sparten zu sehr unter sich, zu wenig Kommunikation zwischen den Abteilungen, Verbindlichkeit der Übungsleiter zum Verein, Umgang miteinander) und der Erhalt und die Verwaltung der Liegenschaften (Entwicklung des Liegenschafts-Managements, wenig Geld, die Größe des Vereins).

Erarbeitet wurde vom Workshop nach Erkennen der Problemfelder im Bereich Marketing: Zielgruppen definieren, Angebot überprüfen, ggf. anpassen und bekannt machen, den Stadtteil-Bezug herstellen, Mundpropaganda, Mitglieder und kritische Nichtmitglieder persönlich ansprechen, Tag der offenen Tür inszenieren und auch für andere Vereinsabteilungen werben.

Wesentliche Erkenntnisse zur Organisationsstruktur waren: Funktionsträger, Zuordnung der sportlichen Aufgaben, Stellenwert der Abteilungen, Soll und Ist darstellen, Aufgabenbeschreibung / Stellenbeschreibung, Teams bilden (auch mit wechselnden Besetzungen), Zuständigkeit für Entscheidungen festlegen, Ansprechpartner finden, Stellenausschreibung, Zeitpläne für die Aufgabenwahrnehmung aufstellen und vor allem Nachhaltigkeit sicherstellen.

Da sich der Turngau als Dienstleister für seine Vereine sieht (und sehen soll), muss er für die Belange seiner Vereine immer ansprechbar sein. Seinerseits muss er die Vereinsverantwortlichen dazu motivieren, sich stärker für die Fragen des zukunftsorientierten Führens und Verwaltens zu öffnen. Ein Strategiepapier des Turngauvorstands könnte dabei sehr hilfreich sein. Als mittelfristige Maßnahmen bieten sich dafür an: Arbeitskreise im Anschluss an den Gauturntag, bei der Berichterstattung des Vorstandes beim Gauturntag den Akzent auf die Bedeutung von Führen und Verwalten im Verein setzen, Den Vereinen bei der Suche nach Experten für spezielle Themen helfen (Kurzreferate in der Vorstandsitzung) und den Vereinen Moderatoren für Vereins-Workshops vermitteln.

Anschließend stellte Kling mit der „Personalentwicklung im Verein“ und „Angebotsstruktur unserer Vereine“ zwei Arbeitspapiere des HTV vor und akzentuierte dabei als Definition und Stellenwert: „Personalentwicklung bezeichnet die systematische Bindung und Betreuung der ehrenamtlich Mitarbeitenden auf den verschiedenen Ebenen von Turnen und Sport, im HTV insbesondere auf den Ebenen Verein – Turngau - Landesturnverband. Das ehrenamtliche Engagement ist eine tragende Säule der Tätigkeit in Turnen und Sport. Es bewirkt für die Einzelnen soziale und persönliche Bereicherung. Deshalb muss sein verbandspolitischer Stellenwert verbessert werden“. Darauf aufbauend: Personalentwicklung in der Vereinsführung: Im Sinne der Definition sollte zweierlei gegeben sein: Der Verein sollte modern geführt werden (Kennzeichen modernen Führens sind: Strategiefähigkeit, Aufgabenbeschreibung, Teamarbeit, Delegation von Aufgaben, Eigenverantwortung, Instrumente modernen Führens sind insbesondere: regelmäßige Gespräche, Patenschaften, Coaching, Zukunftswerkstatt / Klausurtagung / Workshop.

Im weiteren Verlauf ging der Moderator noch auf die Schwerpunkte und Aufgaben der Personalentwicklung ein, wie: Mitarbeiter-Suche und –Gewinnung, Aspekte der Kompetenz der zu Gewinnenden (fachlich, methodisch, sozial), Mitarbeiter-Qualifizierung (z.B. Betreuung / Partnerschaft, Fort- und Weiterbildungsangebote) und Mitarbeiter-Pflege und -Förderung / -Unterstützung (z.B. Eigenverantwortung, Anerkennung, motivierende Rahmenbedingungen). Abschließen projizierte Hansgeorg Kling die Sicherung der Rahmenbedingungen mit den dabei zu unterscheidenden Sachebene und der Beziehungsebene.

Zum Ende kam er auf die Angebotsstruktur der Vereine zu sprechen und dem daraus resultierenden Aufgreifen von Trends zu sprechen und forderte, der Verein muss die Entwicklungen in der Gesellschaft und bei den Formen des Sporttreibens einbeziehen: „Die Deutschen werden immer weniger, älter, weiblicher, internationaler und dicker. Zwischen jung und alt gibt es große Unterschiede bei den Interessen: zum einen starke Erlebnisorientierung, zum anderen das Bestreben, gesund und fit zu sein, jung zu bleiben. Mit der demographischen Entwicklung ist gemeint: Bevölkerungsrückgang, Zunahme Ältere, Abnahme Jüngere, erhöhte Lebenserwartung, und Zunahme des Anteils der Migranten/innen.

Ganz schön geschlaucht von den vielen neuen Erkenntnissen und Informationen, aber stolz auf das bei diesem Workshop selbst Erarbeitete, beendeten die Teilnehmer das fast dreistündige Brainstorming. Sie werden jetzt in Vereinen und Turngau-Fachbereichen gute Multiplikatoren sein und sich bemühen, das Erlernte in die Praxis umzusetzen.

Volker Hennig

 

Der Moderator Hansgeorg Kling beim Workshopen
Der Moderator Hansgeorg Kling beim Workshopen