Inhaltsbereich: Turngauvorstand wanderte zum Herkules

Es hat beim Turngau Nordhessen schon Tradition, jeweils am letzten Januarsonntag mit den Vorstands-, und Fachausschussmitgliedern sowie deren Angehörigen durch die schöne Natur Nordhessens zu wandern. So war es auch in diesem Jahr, 22 Wanderwillige trafen sich am 29. Januar um mit dem ehemaligen Gauwanderwart Karl-Heinz Krause die Höhen des Herkules zu erkraxeln. War das Wanderunternehmen im vergangenen Jahr von „Kaiserwetter“ begünstigt, so hing in diesem Jahr eine zähe Nebeldecke über dem Fuldatal, die auch in der Höhe des Habichtswaldes an seinen Flanken zu kleben schien. Die von Krause auserwählten Wanderwege hatten durch die Bank Schnee, der durch Forstfahrzeuge zu einer häufig recht glatten Rutschbahn platt gewalzt worden waren. Aber das machte den Vorstandswanderern wenig aus, sie marschierten mit Lust und Freud.

Den meisten der Turnwanderern war das erste Zwischenziel, der Asch, völlig unbekannt. Wie ein verzauberter See erschien der Asch (mundartlich für Topf) beim Aufwärtssteigen im Nebel, einen knappen Kilometer oberhalb der Löwenburg. In den Kohlenzechen des Habichtswaldes fiel jede Menge Grubenwasser an, ein bis heute nicht versiegender Quell. Aus dem noch immer vorhandenen, aber zugesperrten Eingang der Zeche Herkules, fließt ein klares, eisenhaltiges Wasser zu jeder Jahreszeit. Diesen Umstand nutzte schon Landgraf Wilhelm IX., ließ das Wasser über den zunächst als geschlossene, dann offene Verbindung gebauten Aschgraben in einen Waldsee laufen. Der Asch wurde ab 1785 künstlich als Reservoire seitlich der Hauptachse des Parks angelegt. Dennoch wirkt er - in den Habichtshang integriert, im Wald eingebettet - natürlich, vermittelt die romantische Szenerie eines Waldsees. Eine Insel ist ebenso Bestandteil des Konzeptes wie geschwungene Uferbereiche und Ausbuchtungen. Mit dem im Asch gesammelten Nass hatte der Landgraf Großes vor. Ein rauschender Wasserfall sollte in der Wolfsschlucht unterhalb der Löwenburg ein stimmungsvolles Bild schaffen. Von eigener Hand skizzierte der hohe Herr seine Vorstellungen samt Brücke über die abstürzenden Fluten. Allein, daraus wurde außer einigen Gemälden samt Löwenburg und Brücke nichts. Die Pläne wurden verworfen, denn mit diesem Wasserfall wäre der Rest der Wasserkünste im Park samt Teufelsbrücke, Aquädukt und Fontäne nicht mehr zu betreiben gewesen.

Auf steilem Weg ging es weiter zum Herkules, dessen 8,25 Meter hohe Gestalt wegen des Nebels nicht zu erkennen war. Die Figur auf einer 40 Meter hohen Pyramide, die wiederum auf einem gewaltigen achteckigen Riesenschloss, dem Oktogon, thront, ist die Hauptsehenswürdigkeit Kassels und kann bei klarem Wetter schon von der Autobahn A7 (Hamburg-Ulm) erkannt werden. Im neuen Herkules-Besucherzentrum erfuhren die Gauturnwanderer einiges, was den meisten von ihnen bislang unbekannt war.

Entstanden ist der schlossartige Herkules, so heißen sowohl die Figur als auch die Anlage, in den Jahren 1701 bis 1717 nach Entwürfen des Italieners Giovanni Francesco Guerniero. Die Gesamtanlage trägt inklusive der dem Herkules vorgelagerten Kaskaden nach dem Bauherren, Landgraf Karl von Hessen-Kassel, auch die Bezeichnung Karlsberg und ist unter diesem Begriff sowohl räumlich als auch baugeschichtlich ein barocker Teilaspekt und westlicher Abschluss des Bergparks Wilhelmshöhe. Die Anlage soll im kommenden Jahr, zum 1.100 Geburtstag Kassels, Weltkulturerbe werden. Bereits 1696 wurde unter Landgraf Karl mit dem Bau für eine Mittelachse des damals bescheidenen Parks begonnen. Die Herkules-Figur wurde an Ort und Stelle aus Einzelteilen zusammengebaut und vernietet. Grundlage für die Konstruktion der von Jacob Anthoni vorgeformten Kupferbleche war und ist ein Eisengerüst, das in der Pyramidenspitze verankert ist. Die Verbindung von Kupfer und Eisen verträgt sich aber auf Dauer nicht, so die Besucherzentrum-Führerin, und fördert die Entstehung von massiven Schäden. Auch der spätere Versuch, das Eisen mit Blei zu ummanteln (1952), konnte die weitere Entstehung von Schäden nicht unterbinden. 1714 erhielt der aus Augsburg stammende Goldschmied Jacob Anthoni den Auftrag, die Figur aus Kupferblech anzufertigen. Er erledigte dies zwischen 1714 und 1717 im Messinghof im damaligen Kasseler Vororts Bettenhausen. Nicht nur Bomben- und Granaten-Geschosseinschläge im Zweiten Weltkrieg und Witterungsunbilden, sondern auch viele Blitze, hatten den bärtigen Riesen ramponiert. Seine kupferne Haut ist seit einer Generalinstandsetzung nun wieder völlig dicht und wird das nächste halbe Jahrhundert vermutlich gut überstehen.

Fast erschlagen von so viel neuem Wissen begaben sich die Wanderer auf den Rückweg entlang des Aschgrabens, der wie ein Meraner Waalweg anmutete, zum „Griechen“ zum Mittagessen. Sichtlich angetan von der, trotz des miesen Wetters doch angenehmen „Bildungswanderung“, verabschiedeten sich die Teilnehmer. Man sieht sich ja doch bald wieder!

Volker Hennig

 

Die Wandergruppe des Turngauvorstandes
Die Wandergruppe des Turngauvorstandes